Lernen loszulassen

Wie die gebürtige Kirchhellenerin Christina Bauer den Mut fand, Künstlerin zu werden

Dieses Werk, dass sie mit Acrylfarbe, Kleb­stoff und Lack auf Leinwand gebannt hat, trägt den Namen „Das gute Gefühl“. Foto: Julian Schäpertöns

„Ich war immer viel zu streng mit mir selbst“, gibt Christina Bauer zu. „Ich habe mich zu sehr von dem bremsen lassen, was ich nicht kann, anstatt meine ganz eigene Stärken zu entwickeln.“ Sie sei keine gute Zeichnerin. Und das realistische Malen beherrschen andere um Klassen besser, sagt sie. Und doch hat die gebürtige Kirchhellenerin nun mit 39 Jahren den Mut gefunden, sich als Künstlerin zu versuchen und ihre Werke sogar der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Kunst ist viel mehr als realistisches Darstellen. Das habe ich jetzt verstanden.“

Alles beginnt immer mit einer weißen Flächen. „Das macht mir erst einmal Angst,“ gibt Christina Bauer zu. Doch diese Angst durchbricht sie oftmals durch einen Zufallsmoment. Das kann ein wuchtiger Pinselstrich oder unkontrollierter Farbklecks sein. „Dann lass ich einfach los. Oft beginnt mein Bild ohne ein vorher erdachtes Konzept und noch viel häufiger ist das finale Ergebnis etwas völlig anderes, als ich mir es vielleicht vorgestellt habe.“


Schon seit ihrer Kindheit in Kirchhellen brennt in Christina Bauer ein Interesse an Kunst und Musik. Sie spielt Querflöte und belegt in der Schule den Kunst-Leistungskurs. Doch immer wieder hat sie das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Bis sie zu verstehen beginnt was Kunst bedeutet und welche Möglichkeiten sie bietet. Christina Bauers Werke sind abstrakt, farbenfroh und vor allem experimentell. Seit gut drei Jahren ist Kunst jetzt ein fester Bestandteil ihres Lebens – auch wenn sie das in ihrer 2,5 Zimmer Wohnung in Essen oft vor großen Herausforderungen stellt. „Nachdem ich gemalt habe, bin ich immer Tage damit beschäftigt, wieder aufzuräumen“, erzählt Christina Bauer. Deswegen sei es ein großer Traum, irgendwann einen eigenen Raum für die Malerei zu haben. Vielleicht sogar ein kleines Atelier...


Das Malen ist für Christina Bauer deutlich mehr als nur eine angenehme Freizeitbeschäftigung oder der Wunsch nach dem fertigen Bild. „Ich habe durch eine schwierige Lebensphase zurück zur bildenden Kunst gefunden“, erzählt die 39-Jährige, die im Hauptberuf im kaufmännischen Bereich tätig ist. Einige Jahre litt sie an chronischen Rückenschmerzen, die ihr Leben und ihre ganze Aufmerksamkeit kontrolliert haben. Doch sie lernt loszulassen. „Da ich ein Mensch bin, der gerne stark sein will und die Kontrolle behält, war das kein einfacher Prozess. Aber der Erfolg, den ich für mich erzielen konnte, hat mir gezeigt, dass dies der richtig Weg ist. Und die freie Malerei ist da ein guter Lehrmeister.“ Zu viel Wollen und die Kontrolle bremsen den Entstehungsprozess eines Bildes, wohingegen das Loslassen häufig mit überraschenden Ergebnissen belohnt wird.


Christina Bauers Lieblingsbild trägt den Titel „Levels“ und hängt bei ihren Eltern im Wohnzimmer. Weitere Werke hat sie schon an Freunde und Bekannte verkauft. Durch den positiven Zuspruch hat sie sich entschieden, nun auch ihre Bilder einer größeren Öffentlichkeit zu zeigen. Am 8. und 9. Dezember stellt sie ihre Werke beim „Weihnachtszauber in den Werdener Toren“ in Essen aus. Und bis zum 6. Januar sind drei ihrer Werke in der  Jahres­ausstellung Bottroper Künstler im Quadrat zu bewundern.

Weitere Informationen zur Künstlerin findet Ihr unter www.tsm-project.de.

von Julian Schäpertöns