Von Bienenwölfen und Beerenscheinen

Geschichten aus der Kirchheller Heide – erzählt von Alfred Hilp

Alfred Hilp erinnert sich an viele Geschichten aus der Kirchheller Heide. Foto: Julian Schäpertöns/Gundis Jansen-Garz

Alfred Hilp war den Großteil seines Lebens in der Kirchheller Heide zuhause – er weiß vieles, an das sich sonst kaum mehr jemand erinnert. Unter dem Motto „Wer weiß denn sowas?“ hat Kirchhellen.online mit Alfred Hilp gesprochen, der 90-jährig noch immer gerne in seinen alten Unterlagen wühlt und sich an seine Zeit als Jäger und Jagdpächter, Leiter der Bezirksverwaltungsstelle bis 1991 und leidenschaftlicher Heidegänger erinnert. Mit seinem grünen Moped fuhr er tagein, tagaus in sein Revier, er kennt jeden Baum, jeden Strauch und weiß so manche Geschichte zu erzählen.

So gab es 1938 noch Wölfe in der Heide. Nun gut, vielleicht nicht die Wölfe, die Sie jetzt meinen. Bienenwölfe waren es, an die sich Alfred Hilp erinnert: „Bienenwölfe sind Insekten, die stark an Wespen erinnern und die sich von Honigbienen ernähren. Um die Bienen zu schützen, durften wir Kinder damals die Bienenwölfe fangen. Es gab ein Pfennig pro Stück als Belohnung vom Imkerverein.“ Und von Spannern weiß Alfred Hilp zu berichten: „Keine Schmetterlinge, wie man meinen könnte, sondern ältere Herren, die in den 1960er Jahren Liebespaare beobachteten. Davon gab es reichlich – ich nenne hier jetzt keine Namen. Das gipfelte darin, dass eine Person erschossen wurde.“ Doch nicht nur die Sensationen sind es, von denen Alfred Hilp berichten kann. Die Veränderungen im Landschaftsbild der Heide hat er miterlebt. „Noch in der 1950er Jahren konnten wir in den Waldungen in Grafenwald Blaubeeren pflücken. Dazu brauchte man jedoch einen so genannten Beerenschein, sonst gab es Ärger mit dem damaligen Förster Penzel. Heute sind keine Blaubeersträucher mehr in der Heide zu finden.“  

Was da kreucht und fleucht

Greifvögel waren früher stets anzutreffen. Habicht, Bussard, Falke und Eule sind auch heute noch da. Erst vor wenigen Jahren noch nistete regelmäßig ein Uhu in Mauern des Kalksandsteinwerks an der Hiesfelder Straße. Sowohl Rot- als auch Rehwild sind seit Jahrhunderten in der Heide anzutreffen. Schwarzwild kam erst nach 1960 dazu. Der Grund: die Spündung des Lippe-Seitenkanals in Hünxe: „Dadurch kam das Schwarzwild in unser Gebiet rein, aber nicht wieder hinaus“. Auch Dachs, Fuchs, Marder, Iltis und Wiesel sind nach wie vor oft gesehene Tiere bei uns. Weniger dagegen werden Fasane, Rebhühner und Schnepfen. Wildkaninchen waren bis vor einigen Jahren noch eine Plage. In alten Jagdpachtverträgen wurde die Ausrottung der Kaninchen zur Bedingung gemacht. Eine gute Mischung von allen würde der Heide gut tun.“ Der SVR (heute RVR) versuchte in den 1960er Jahren Kolkraben anzusiedeln. Die Biologin Frau Dr. Schuster war mit diesem Projekt vertraut, hatte jedoch keinen Erfolg. Die aufgezogenen und in Freiheit entlassenen Vögel suchten sich eine Heimat auf einer Müllkippe in Hünxe.

Die Heide im Wandel der Zeit

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren größere Bereiche versumpft und verheidet. In den Mooren wurde Torf gestochen und als Brennmaterial genutzt. Ende des 19. Jahrhunderts verlor die Heidefläche ihre wirtschaftliche Bedeutung. „Man begann die Moore zu entwässern, sie mit dem Dampfflug tief zu pflügen und in Grün- und Ackerland umzuwandeln. Die Kultivierung der Schwarzen Heide wurde vom neugegründeten Bodenverbesserungsverband Schwarze Heide geleitet und begleitet.“ Dabei kam vor allem die Pionierbaumart Schwarzkiefer zum Einsatz, die heute noch das Bild in den älteren Waldbeständen prägt und der Heide den Namen „Schwarze Heide“ verlieh. Von der Heidelandschaft ist heute nicht mehr viel zu sehen. Reste finden sich im Schutzgebiet Kletterpoth.

Foto: Privat

Drei Gutshöfe gab es in der Schwarzen Heide; im Süden den Gutshof Fernewald. Er befand sich bis zum Ende des Krieges 1945 im Besitz des Eisenverarbeitszentrums Gutehoffnungshütte (GHH) Oberhausen. Mehrere Familien fanden dort Arbeit und Brot. Auch den Heidhof kennt Alfred Hilp noch aus seiner Jugend. Das damalige Hauptgebäude des Heidhofs, das Grilloschlösschen, wurde um  die  Jahrtausendwende  vom  Duisburger Industriellen Grillo errichtet. „Als Jagdschlösschen gebaut, kam es gemeinsam mit dem dazugehörigen Bauernhof 1938 in den  Besitz des Halvener Unternehmers Paul Bouche. Danach wechselten die Besitzer häufig. Ab 1959 ging der Besitz über zum Rheinstahl Bergbau, der bis ins Jahr 1963 als Eigentümer eingetragen war. „1981 wurde das Grillo Schlösschen in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen“, erinnert sich Alfred Hilp. „Der damalige Bauernhof ist noch nicht das heutige Hauptgebäude des Heidhofs. Dieses entstand erst nach dem Verkauf des Grundstücks.“  Der Regionalverband Ruhr hat den Heidhof und 2.000 Hektar Wald in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre erworben und zum attraktiven Anziehungspunkt für Ausflügler umgebaut. Darüber hinaus ist der Hof ein Zentrum für Umweltbildung sowie ein Forst- und Pflegestützpunkt geworden. Heutzutage gibt es einen Waldspielplatz, einen Jugendzeltplatz sowie eine Ausstellung.

Es gibt noch viele weitere Geschichten und Anekdoten, die Alfred Hilp aus „seiner“ Heide erzählen kann – Wer wohnte damals in dem Gebiet? Wie war das mit dem Munitionsdepot und dem Flugplatz in den Kriegsjahren? Wie kamen die Seen zustande?

In den 1970er Jahren hat der Regionalverband Ruhr den Heidhof gekauft und umgebaut. Foto: Julian Schäpertöns

 

Über die Kirchheller Heide

Die Kirchheller Heide ist eine Grün- und Waldlandschaft und Teil des Naturparks Hohe Mark-Westmünsterland. Sie besitzt mit etwa 100 km markierten Rad- und Wanderwegen sowie 23 km Reitwegen große Bedeutung für die Naherholung im Ruhrgebiet. Kerngebiet ist die Heide- und Moorlandschaft des Kletterpoths, die schon seit 1926 Naturschutzgebiet ist. Die Kirchheller Heide hat eine Größe von etwa 2.000 Hektar und umfasst neben den Kerngebieten auch den Fernewald, den Grafenwald und den Köllnischen Wald. Geologisch erstreckt sie sich über die Niederrheinischen Sandplatten zwischen Lippetal im Norden und Emschertal im Süden. Die grundwassernahen, feuchten Wälder werden von Spechtbach, Rotbach und seinem Zufluss Schwarzbach durchflossen. Die Bachsysteme zeichnen sich durch ihre natürliche Auenvegetation aus. Staueinwirkungen des hochanstehenden Grundwassers führen vor allem in Muldenlagen zu Versumpfung und Moorbildung und später zu einer dementsprechenden typischen Waldvegetation mit einem hohen Anteil an Erlen. Die Landschaft in der Kirchheller Heide ist heute in vielen Bereichen insbesondere durch die Auswirkungen der Bergsenkungen einem Wandel unterlegen. Seit 1974 sind die ersten Waldflächen der Kirchheller Heide im Besitz des RVR, der die Kirchheller Heide naturnah weiterentwickelt. Im Rahmen der naturgemäßen Forstwirtschaft werden die Anteile naturnaher Laubwälder erhöht und die für den Natur- und Artenschutz bedeutsamen Sonderbiotope erhalten. Mittlerweile sind zwei Drittel der Kirchheller Heide mit Laubwald bestanden, darunter viele Buchen-, Eichen-, Erlen- und Birkenwälder. Durch Auskiesung entstanden neue Wasserflächen wie der Heidesee. Heute sind große Teile der Kirchheller Heide aufgrund ihrer hohen Bedeutung für den Naturschutz als Schutzgebiete ausgewiesen.

Der Heidesee im Herbst. Foto: Julian Schäpertöns

von Gundis Jansen-Garz