Schuleinstieg im eigenen Tempo

Das Konzept der Freiarbeit ermöglicht einen ganz angenehmen Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule

Die Freiarbeit am Vestischen Gymnasium ist ein Konzept für die Erprobungsstufe, damit Schüler nach der Grundschule einen sanften Einstieg in die weiterführende Schule haben.
Lenka, 10 Jahre, genießt die Freiarbeit. - Foto: aureus GmbH - Julia Liekweg

Seit gut zwölf Jahren lebt das Kirchhellener Gymnasium die Freiarbeit im Schulalltag. „Schüler, die gerade erst den Übergang von der vierten in die fünfte Klasse hinter sich gebracht haben, bekommen so einen sanften Einstieg in die weiterführende Schule“, sagt Schulleiter Dirk Willebrand.

„Schüler, die gerade erst den Übergang von der vierten in die fünfte Klasse hinter sich gebracht haben, bekommen so einen sanften Einstieg in die weiterführende Schule“, sagt Schulleiter Dirk Willebrand.

Mittlerweile ist die Freiarbeit fest in den Stundenplan der Erprobungsstufe – die Jahrgangsstufen 5 und 6 – etabliert. „Das Konzept funktioniert gut und wir sind hier auch gut aufgestellt“, berichtet der Schulleiter weiter. Die Lehrer wissen um die große Veränderung, der sich die ehemaligen Grundschüler in der fünften Klasse ausgesetzt sehen. Guido von Saint-George, der stellvertretende Schulleiter des VGK, hat beobachtet, wie unterschiedlich Schüler mit diesem Wechsel umgehen. „Die Kinder erleben einen großen Sprung von einem kleinen Grundschulsystem mit wenigen Fächern, einer kleineren Schule und wenigen Lehrern. Dann kommen sie nach der vierten Klasse auf die weiterführende Schule und plötzlich sind da ganz unterschiedliche Fächer, die Lehrer wechseln häufiger und der ganze Schultag ist auch auf einen Schlag länger.“ Daher sei das Konzept Freiarbeit auch genau das Richtige, um die Schüler behutsam an die Veränderung heranzuführen.

Selbstsicher durch die Schullaufbahn

„Wir merken, dass die Zeit, die wir in der Erprobungsstufe durch die Freiarbeit investieren, sich dann in der Mittelstufe auszahlt“, erzählt Guido von Saint-George weiter. Und die Freiarbeit, so betont das Lehrerkollegium, sei alles andere als „Freizeit“. Die Kinder lernen hier nicht nur, sich selbst zu organisieren, sondern auch ihre Stärken und Schwächen richtig einzusetzen. Tanja Gregor, kommissarische Leiterin der Erprobungsstufe, erklärt: „Das Konzept der Freiarbeit ist bei uns zweigeteilt. Auf der einen Seite geben wir den Kindern der fünften Jahrgangsstufe Lernarbeitstechniken mit auf den Weg. Hier lernen sie, wie sie die Schultasche richtig packen, das Hausaufgaben- und Vokabelheft ordentlich führen und auch, was für ein Lerntyp sie sind. Auf der anderen Seite fördern und fordern wir die Schüler nach ihrem eigenen Bedarf.“ Hierfür schätzen sich die Schüler zunächst selbst ein. „Das ist auch für Eltern ganz spannend, denn nachdem die Kinder sich selbst und ihre Stärken eingeschätzt haben, nimmt der Freiarbeitslehrer eine Einschätzung vor. Bis auf ganz wenige Ausnahmen haben wir dabei festgestellt, dass sich die Schüler oft schwächer einschätzen als sie sind“, beschreibt Tanja Gregor. Guido von Saint-George ergänzt: „Wir merken dabei auch, dass die Kinder in der späteren Schullaufbahn selbstsicherer sind. Wir haben durch die Freiarbeit einen ganz anderen Zugang zu den Schülern und sie zu uns. Durch die Zeit, die sie in der Erprobungsstufe bekommen, um am VGK anzukommen, gehen sie selbstbewusster durch die große, weiterführende Schule.“

Von Schülern für Schüler

Im Rahmen der Freiarbeitsstunden lernen die Kinder aber nicht nur für sich selbst. Tanja Gregor berichtet von den verschiedenen Wegen der Förderung: „Je nach Bedarf können die Schüler alleine, mit dem Freiarbeitslehrer, in Partner- oder auch in Gruppenarbeit den Lernstoff durchgehen. Sie können aber auch eigene Projekte in den Fächern, in denen ihre Stärken liegen, entwickeln und dann ihren Mitschülern beibringen.“ Hierfür stellen die Schüler ein Konzept für ihr eigenes Projekt auf und besprechen das mit dem Freiarbeitslehrer. Abgesteckt werden so nicht nur die Themen und das Medium, durch das sich dem Inhalt genähert werden soll, sondern auch der zeitliche Umfang. „Der Freiarbeitslehrer kontrolliert dann am Ende, ob das Konzept eingehalten wurde und ob es überhaupt so funktioniert hat. Das ist unser Lernhelfersystem.“

Die zehnjährige Lenka beispielsweise ist gerade in der fünften Klasse und findet das Konzept der Freiarbeit richtig gut. Sie erklärt uns: „Zuerst müssen wir 20 Minuten ein Hauptfach, also Mathe, Deutsch oder Englisch, machen. Danach können wir entscheiden, ob wir das weitermachen oder ob wir ein anderes Thema bearbeiten möchten. Mein Lieblingsfach ist Biologie, ich habe mich aber auch schon viel mit Naturkatastrophen beschäftigt.“ Denn das Thema interessiere sie besonders.

Arbeits- und Sozialverhalten sind gleichermaßen wichtig

„Üblicherweise werden Schüler bei der Notenvergabe nur aufgrund ihrer Leistungen bewertet. Für die Freiarbeit aber bekommen Schüler auch ein extra Freiarbeitszeugnis, das Aspekte wie Konzentration, Arbeitsverhalten oder Ordnung ihrer Materialien bewertet. Die Kopfnoten vor einigen Jahren waren zwar schon ein interessanter Versuch, sich der Bewertung des Sozialverhaltens zu nähern, setzten sich aber nicht durch“, erklärt Lehrerin Tanja Gregor.

Neben analogen Lehr-Lernmaterialien wie Ordnern, Arbeitsblättern und Mappen lernen die Schüler während der Freiarbeit aber auch den sicheren und richtigen Umgang mit digitalen Medien. „Wir haben seit neuestem auch dank unseres Fördervereins einige iPads finanzieren können, die werden wir natürlich auch in das Unterrichtsgeschehen und die Ausbildung der Medienkompetenz einbinden“, sagt Guido von Saint-George. Aber auch die gängigen Programme wie Word und Excel werden in der Freiarbeit benutzt. „Die Schüler dürfen für ihre kleineren Projekte auch Google benutzen. So bringen wir ihnen gleichzeitig auch die richtige Annäherung an die Recherche für ein Thema bei.“ Auf der anderen Seite können die Schüler aber auch den sicheren Umgang mit digitalen Lernplattformen üben, auf denen sie Aufgaben bearbeiten und digital ablegen können und je nach Aufgabe auch eine direkte Rückmeldung bekommen.

„Unser Konzept funktioniert.“

Die Snoozle-Ecke im Freiarbeitsraum am VGK erlaubt den Schülern, sich die Auszeit zu nehmen, die sie brauchen.
Die Snoozle-Ecke, wenn Schüler eine Auszeit brauchen. - Foto: aureus GmbH - Julia Liekweg

„Die Freiarbeitslehrer sind in der Regel auch die Klassenlehrer der fünften und sechsten Klassen. Da die Kollegen ohnehin häufig in der Erprobungsstufe die Klassenleitung übernehmen, bietet sich das auch an. Als Freiarbeitslehrer kennen sie die Räume, die Materialien und haben auch einen Überblick darüber, wo Neuanschaffungen oder Ähnliches nötig sind. Gleichzeit als Klassenlehrer für die Schüler tätig zu sein, bietet den Vorteil, dass sie die Schüler viel besser kennen und ohnehin auch einen anderen Bezug zu ihnen haben“, sagt Tanja Gregor. Guido von Saint-George und Schulleiter Dirk Willebrand sind sich einig: „Unser Konzept läuft sehr gut. Wir bekommen viel positives Feedback und sehen ja auch an den Schülern selbst, dass das Konzept funktioniert. Auch der digitale Unterricht läuft gut, denn mit den zusätzlichen iPads können wir unsere Kompetenzen noch mehr erweitern.“

von Julia Liekweg

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