Kiebitze in der Dorfheide

Ein sofortiger Baustopp im Neubaugebiet Schultenkamp wird von einigen Tierschützern gefordert – Die Stadt weist diese Forderung zurück

Ein Ersatzbrutgebiet für die Kiebitze wurde direkt neben dem Neubaugebiet gefunden. Foto: Julian Schäpertöns

Dass es immer zwei Seiten einer Medaille gibt, beweist im Moment die Kiebitz-Diskussion in Kirchhellen. Derzeit wird das Thema hochgekocht. Einige Tierschützer fordern den sofortigen Baustopp im Neubaugebiet Schultenkamp. Andere verweisen auf die Ausweichfläche für die Kiebitzbrut und nehmen die Stadt in Schutz, alles gesetzlich Vorgeschriebene getan zu haben. Wir haben uns von der Kirchhellener Tier- und Naturschützerin Marianne Busse die Situation erklären lassen.

Marianne Busse ist Hobby-Ornithologin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den hier beheimateten Vögeln in und um Kirchhellen. „Der Kiebitz gehört zu den gefährdeten Tierarten und steht bereits auf der gefürchteten Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tieren“, weiß Marianne Busse. In den vergangenen zehn Jahren hat sich auch in Kirchhellen die Zahl der Kiebitze halbiert. „Das liegt zum einen an der veränderten landwirtschaftlichen Nutzung, zum anderen an den Baugebieten, die den gefährdeten Vögeln ihre Brutplätze wegnehmen“, erklärt Marianne Busse.

13 Brutpärchen hatten sich im Frühjahr 2017 auf dem heutigen dritten Bauabschnitt niedergelassen. „Hier konnten wir einen überdurchschnittlich guten Bruterfolg beobachten. Es herrschten ideale Bedingungen“, erzählt die Ornithologin. Ein gutes Brutgebiet hat eine niedrige, lückige Vegetation und einen möglichst hohen Grundwasserspiegel. Da die Küken Nestflüchter sind, sind sie schnell selbstständig und gehen eigenständig auf Futtersuche. Dafür ist es wichtig, dass es viele Kleinlebewesen auf der Brutfläche gibt.

Ein Ersatzgebiet musste her

Da der dritte Bauabschnitt im Neubaugebiet Schultenkamp nun in vollen Gängen ist, können die Kiebitze in diesem Frühjahr jedoch nicht zurück auf ihre Brutfläche. Tierschützer sowie Anwohner befürchten, dass die Arbeiten in dem Neubaugebiet Kiebitze bei der Brut stören und der Artenschutz gefährdet sei. Ein Ersatzgebiet musste also her. Eine Ackerfläche unmittelbar neben der Neubaufläche wurde deshalb zum Kiebitz-Biotop hergerichtet.

Dass das Ersatzgebiet anders ist, als das Brutgebiet im vergangenen Jahr, sehen auch Laien auf den ersten Blick. Doch der kahle Acker an der Dorfheide ist von Experten freigegeben worden und so hat man erst einmal keinen Grund, dies anzuzweifeln, ist sich die Kirchhellenerin sicher. Marianne Busse selbst konnte schon zwei Kiebitz-Brutpaare entdecken und geht davon aus, dass in den nächsten Tagen und Wochen noch einige nachkommen. „Die Brutzeit geht je nach Witterung bis Ende Mai oder sogar Mitte Juni.“

Die Notwendigkeit eines Baustopps sieht sie hier nicht gegeben. „Es gibt immer verschiedene Interessensgruppen, die alle zusammengebracht werden müssen“, betont die Kirchhellenerin. Auf der Ackerfläche ist eine Kiebitz gerechte Bewirtschaftung möglich. Mit dem Landwirt ist vereinbart, eine Zwiebelkultur zu setzen, so dass die Kiebitze dort brüten können. Darüber hinaus ist ein Brachestreifen von der Bewirtschaftung frei geblieben.  Dieses Vorgehen wurde mit einem Gutachter abgestimmt und dient als vorgezogene Ausgleichsmaßnahme für das Vorkommen der Kiebitze im Baugebiet. „Die Stadt hat bis jetzt alles gesetzlich Vorgeschriebene gemacht, um den Kiebitz zu schützen. Nun müssen sie jedoch weiter die Ausweichfläche betreuen und eng mit den Landwirten zusammenarbeiten, um es noch attraktiver für die Kiebitze zu gestalten.“

Ideale Brutflächen in Kirchhellen

Wie so ein idealer Kiebitzbrutort aussieht, hat uns Marianne Busse ebenfalls gezeigt. In der Nähe des Rückhaltebeckens der Kleinen Boye am Schleitkamp in Grafenwald hat sich über die Jahre ein wahres Kleintier-Paradies gebildet. Das kleine Biotop ist durch Zäune vor Hunden geschützt und wird so zu einem ruhigen Rückzugsort auch für Kiebitze. Die Vegetation wird hier ebenfalls nicht sich selbst überlassen und stetz niedrig gehalten, wie es insbesondere von den Kiebitzen gebraucht wird.

von Katharina Boll