Hat es sich ausgesummt?

Das Bienensterben betrifft zunehmend ländliche Bereiche – Warum es auch uns Menschen schadet und was wir dagegen tun können

Wenn nicht aktiv etwas gegen das Bienensterben getan wird, ist dieser Anblick in naher Zukunft nur noch selten zu finden. Foto: Katharina Boll

„Wenn die Biene stirbt, stirbt auch der Mensch“ – ein bekanntes Zitat, das derzeit durch alle Medien geistert. Klingt zunächst dramatisch. Aber wenn die Bienen aussterben, bedeutet das nicht nur weniger Honig auf dem Brot, sondern auch weniger natürliche Bestäubung auf Feldern und Wiesen. Und das hat Folgen für uns alle: Etwa 30 Prozent der gesamten Lebensmittel-Ernte der Menschheit hängt von den Bienen ab. Wir haben mit der Kirchhellener Imkerin Dorothea Klümper und dem Bienenexperten des Naturschutzbundes (NABU) Volker Fockenberg über die drohende Gefahr gesprochen.

Früher hatte Imkerin Dorothea Klümper noch ein Insektengitter vor die Tür gespannt. Doch heute braucht sie es nicht mehr. Vorbei sind die Zeiten, in denen die meist ungebetenen kleinen Gäste zahlreich in ihr Haus eindringen wollten. Das ist nur eine von vielen Beobachtungen, die die leidenschaftliche Imkerin in den vergangen Jahrzehnten gemacht hat. Dorothea Klümper engagiert sich bereits seit zehn Jahren für die Bienen. Angefangen mit einem Honigbienen-Volk im Jahr 2011, betreut die Hobby-Imkerin nun bereits 20 Völker an verschiedenen Standorten. „Wenn von dem Bienensterben gesprochen wird, sind nicht die Honigbienen gemeint, sondern die Wildbienen“, erklärt Dorothea Klümper einleitend. „Es sollte jetzt nicht jeder Imker werden.“ Wichtiger ist es dagegen, den Wildbienen zu helfen. „Wenn mehr als neun Honigbienen-Völker an einem Standort stehen, kann es dazu führen, dass sie den Wildbienen das Futter wegnehmen“, erklärt die geschulte Imkerin, die in ihrem heimischen Garten auch für viele Wildbienenarten eine Oase geschaffen hat.

Imkerin Dorothea Klümper beherbergt 20 Bienenvölker in ihrem Garten. Foto: Julian Schäpertöns

Wildbienen sind deshalb so relevant, da sie eine höhere Bestäubungsleistung als Honigbienen haben. „Es gibt unter den Wildbienen für jede Pflanze einen Spezialisten“, weiß NABU-Bienenexperte Volker Fockenberg. Beispiels­weise für den Rotklee hat die Honigbiene einen zu kurzen Rüssel, doch einige Wildbienenarten können die Blüte bestäuben.

Doch warum ist das Bienensterben so schlimm?

Auf Honig verzichten zu müssen wäre zwar für viele von uns traurig, doch bei weitem nicht das größte Problem, das wir ohne Bienen hätten. Rund ein Drittel unserer Nahrungspflanzen würde ohne Bestäubung deutlich weniger oder gar keine Nahrungsmittel mehr produzieren. Mit anderen Worten: Unsere Ernährung hängt zu einem guten Teil von Bienen ab. „Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse sind von der Insektenbestäubung abhängig. Fällt diese hochwertige Ernährung weg, kommt es zu einen Mangelernährung“, warnt Volker Fockenberg.

Die Biene leistet durch ihre Bestäubung mehr als man zunächst denkt. Foto: Julian Schäpertöns

Mediale Aufmerksamkeit

Langjährige Untersuchungen ehrenamtlicher Insekten­kundler des Entomologischen Vereins Krefeld haben es belegt: An einigen Orten in Deutschland gibt es bis zu 75 Prozent weniger Insekten als noch vor etwa 30 Jahren. „Diese Studie hat erstmals zu einem medialen Interesse für das Thema geführt und viele Menschen darauf aufmerksam gemacht, wie dramatisch das Insektensterben wirklich ist“, erklärt Volker Fockenberg. Aber auch der Film „More than Honey“ aus dem Jahr 2012 führte bereits zu öffentlichem Interesse.

Landwirte stehen unter Druck

Den einen Grund für das Bienensterben gibt es nicht. Doch die meisten Gefahren für die Bienen sind menschengemacht. Industrielle Landwirtschaft mit ihren monotonen Agrarwüsten und ihren Chemikalien geraten immer mehr unter Beschuss. Doch muss man auch die Seite der Landwirte sehen, mahnt Dorothea Klümper. „Landwirte machen das, was von ihnen verlangt wird. Hier ist auch der Verbraucher gefragt“, macht Dorothea Klümper deutlich. „Man kann nur hoffen, dass ein Umdenken stattfindet.“ Ganz nach dem Motto: Wer Bio will, muss auch Bio zahlen.

Dorothea Klümper bietet auch Wildbienen eine Nistmöglichkeit. Foto: Julian Schäpertöns

Aufklärung fördern

„Es ist wichtig, dass bereits in den Kindergärten und Grundschulen das Interesse an der Natur geweckt wird“, betont Volker Fockenberg. „Zudem müssen auch die Familien selbst aktiv werden.“ Denn hartnäckige Mythen halten sich mangels fehlendem Wissen. „Kinder sind unvoreingenommen. Deshalb ist es notwendig, ihnen die Zusammenhänge in der Natur zu erklären, um die Vielfalt zu schützen“, sagt der Bienenexperte.

Volker Fockenberg und Claudia Verhoecks sind beide vom NABU und engagieren sich für Wildbienen. Foto: Katharina Boll

 

Tipps für einen insektenfreundlichen Garten

Greifen auch Sie den Bienen unter die Flügel und helfen Sie aktiv mit, dass das Bienensterben endet.

1. Bienenfreundliche Pflanzen säen
Eine bienenfreundliche Anlage kann etwas Blühendes in einem Balkonkasten, ein Obstbaum im Garten oder wildwachsende Pflanzen sein. Das alles bietet ein vielfältiges Angebot für Wildbienen. Volker Fockenberg hat uns seine Pflanzen-Tipps für einen insektenfreundlichen Staudengarten gegeben:

Gewöhnlicher Natternkopf
Zweihäusige Zaunrübe
Färberkamille
Glockenblume
Breitblättrige Platterbse
Woll-Ziest
Herzgespann
Kronwicke

2. Nisthilfen für Insekten
Es muss nicht gleich ein riesiges „Bienen- oder Insektenhotel“ sein, auch mit wenig Aufwand kann man den kleinen Nützlingen helfen. „Bedauerlicherweise bringen viele Nisthilfen, die man erwerben kann, gar nichts“, weiß Volker Fockenberg. „Es muss auf das Material geachtet und auch die passende Bauweise verwendet werden.“ Beispielsweise sieht man oftmals Kiefernzapfen, Holzwolle und Stroh in den fertigen Hotels. Doch darin nisten sich nur Ohrwürmer ein, die abends und nachts die Bienenzellen in Holzbohrgängen oder hohlen Stängeln plündern. „Harte Holzblöcke eigenen sich sehr gut als Grundlage für Insektenhotels“, erklärt Volker Fockenberg. Tipps und Anleitungen zum Selberbauen erhalten Interessierte auf der Webseite des NABU.
Aufgehangen werden sollten die Nisthilfen an einem vor Regen geschützten Ort in Richtung Süd/Südost. Oft befinden sich Nester von Bienen außerdem im Boden. Also lassen Sie auch hier einige Bereiche unbepflanzt.

Wildbienen und Hummeln fliegen gerne die Kronenwicke an. Foto: Katharina Boll

 

3. Auf Pestizide verzichten
Auf bienenschädliche Pflanzenschutz-, Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel, also Pestizide, Herbizide und Biozide sollte man in seinem Garten verzichten. Gerade Cocktails aus mehreren Giften können tödlich sein.

4. Wildecken lassen
Wer einen großen Garten hat, sollte einige wilde Ecken lassen. Laub- Streu- oder Staudenschnitthaufen dienen als Lebensraum für zahlreiche Insektenarten. „Zitronenfalter beispielsweise überwintern in Laubhaufen“, weiß die Kirchhellener Imkerin.

5. Blumenwiese statt englischer Rasen
Natürlich ist es auch beim Rasen am besten, wenn man gar nichts macht und der Natur freien Lauf lässt. Wem das schwer fällt, sollte sich wenigstens zügeln jede Woche den Rasenmäher anzuwerfen. „Wichtig ist insbesondere, dass man den Rasen nicht zur Mittagszeit mäht. Dann sind nämlich viele Wildbienen unterwegs“, betont Dorothea Klümper. Zudem kann man mit Blumensaatmischungen nachhelfen, eine bunte Blütenpracht auf der Grünfläche zu bekommen. Dass man eine Blumenwiese auch nicht alle vier Wochen mähen sollte, versteht sich von selbst.

6. Ein blühender Vorgarten
Landschaftsgärtner wie Dirk Blanik, Inhaber des gleichnamigen Garten- und Landschaftsbaubetriebes in Kirchhellen, kennen seit langem das Problem der sogenannten Schotter-Vorgärten. Die insektenfeindlichen grauen Wüsten sollen vermeindlich viel pflegeleichter sein. Das ist nicht unbedingt wahr, weiß auch Dirk Blanik. Grüne Vorgärten sind lebendig und abwechslungsreich. Und das Beste: mit einer professionellen Pflanzenauswahl sind sie überraschend pflegeleicht. Denn anders als bei Kies und Schotter setzen sich bei ihnen mit den Jahren kein Laub und keine Moose fest. Außerdem breiten sich Bodendecker und Stauden aus und lassen kein Platz für Unkräuter. Das Wichtigste ist zudem, dass sie für Vögel und Insekten, wie Schmetterlinge oder Bienen, lebenswichtige Nahrung und Lebensraum bieten.
Weitere Informationen unter www.blanik.de

Mit vielen Kleinigkeiten kann man den Bienen schon helfen. Foto: Katharina Boll

von Katharina Boll